Kapitel 8: After Death

← Kapitel 7: After Dinner (Teil 2)

Matz Sievekind lag am Boden und wusste nicht, was er tun sollte.
Er war tot. Darüber gab es keinen Zweifel. In seiner Brust war ein grässliches Loch. Das Blut, das daraus hervorgesprudelt war, war jetzt zu einem Tröpfeln versiegt. Sonst war an seinem Brustkorb keine Bewegung wahrzunehmen, wie auch an keinem anderen Körperteil von ihm.
Er blickte nach oben und von einer Seite zur anderen. Da wurde ihm etwas klar: ganz gleich, welcher Teil sich von ihm bewegte, es war kein Teil seines Körpers.
Der Nebel wälzte sich langsam über ihn hinweg und erklärte nichts. Ein, zwei Meter von ihm entfernt lag seine Flinte im Gras und rauchte still vor sich hin.

Er lag da wie jemand, der um vier Uhr morgens wachliegt, seine Gedanken nicht zur Ruhe bringen kann und nicht weiß, was er mit ihnen anfangen soll. Er bemerkte, dass er eben einen Schock erlitten hatte. Das konnte seine Unfähigkeit, klar zu denken, erklären; nicht aber seine Fähigkeit, überhaupt noch zu denken.
Jahrhundertelang gab es große Diskussion darüber, was mit einem nach dem Tode geschieht, sei es nun Himmel, Hölle, Fegefeuer oder das blanke Nichts. Eines ist dabei nie bestritten worden – dass man die Antwort spätestens dann erfährt, wenn man tot ist.

Matz Sievekind war tot, aber er hatte nicht die leiseste Ahnung, was er damit anfangen sollte. Es war eine Situation, in der er noch nie gewesen war.
Er setzte sich auf. Der Körper, der sich aufsetzte, erschien ihm so real wie der Körper, der allmählich kälter werdend immer noch am Boden lag und seine Blutwärme in Dampfschwaden abgab, die sich mit dem Dunst der kühlen Nachtluft vermischten.

Er wagte sich etwas weiter und versuchte langsam, erstaunt und unsicher, aufzustehen. Der Boden trug ihn, er hielt seinem Gewicht stand. Andererseits hatte er gar kein Gewicht, dem standzuhalten war. Als er sich bückte und den Boden berührte, fühlte er nichts als eine Art entfernten, gummiartigen Widerstand. Einen Widerstand, wie man ihn spürt, wenn man mit eingeschlafenem Arm etwas aufzuheben versucht. Sein Arm war eingeschlafen. Seine Beine ebenfalls und sein ganzer Körper und der Kopf.
Sein Körper war tot. Er konnte nicht sagen, warum sein Geist es nicht war.

Er stand in starrem, schlaflosem Schrecken da, während der Nebel sich langsam durch ihn hindurchwälzte.
Er schaute hinunter auf das Ich. Das grässliche, erstaunt blickende Ich-Dings, das still und zerfetzt am Boden lag. Er bekam fast eine Gänsehaut. Oder vielmehr hätte er gern eine Haut gehabt, die eine Gänsehaut bekommen konnte. Er wünschte sich eine Haut. Er wünschte sich einen Körper. Beides hatte er nicht.
Seinem Mund entrang sich ein plötzlicher Entsetzensschrei, der nicht zu hören war und nirgendwohin ging. Er zitterte und fühlte nichts.

Musik und eine Pfütze Licht sickerten aus seinem Wagen. Er ging darauf zu. Er versuchte, entschlossen zu gehen, aber es war ein schwaches und kraftloses Gehen. Unsicher. Unkörperlich. Der Boden unter seinen Füßen fühlte sich sehr weich an.
Die Wagentür an der Fahrerseite war noch offen, so wie er sie zurückgelassen hatte, als er rausgesprungen war, um sich um den Kofferraumdeckel zu kümmern.
Das alles war jetzt zwei Minuten her, als er noch am Leben war. Als er ein Mensch war. Als er gedacht hatte, er springe gleich wieder rein und fahre weiter. Vor zwei Minuten und einem ganzen Leben.
Das war doch irre, oder? dachte er plötzlich.
Er ging um die Tür herum und bückte sich, um in den Außenspiegel zu schauen.
Er sah genau wie er selber aus, wenn auch wie er selber nach einem furchtbaren Schrecken. Es musste sich um etwas handeln, was er sich nur einbildete, wie ein schrecklicher Wachtraum.

Plötzlich kam ihm ein Gedanke. Er versuchte, auf den Rückspiegel zu hauchen.
Nichts. Nicht ein einziges Tröpfchen bildete sich. Einen Arzt würde das zufriedenstellen, so machten sie’s immer im Fernsehen – wenn der Spiegel nicht beschlug, war kein Atem da. Vielleicht, dachte er ängstlich, vielleicht hatte das etwas damit zu tun, dass die Außenspiegel nicht beheizt waren. Hatte sein Wagen denn nicht beheizte Außenspiegel? Vielleicht waren es digitale Außenspiegel. Das war’s. Digitale, beheizte, atemresistente Außenspiegel…

Er war mitten dabei, wurde ihm klar, kompletten Blödsinn zu denken. Er drehte sich langsam um und blickte wieder voller Besorgnis auf den Körper, der hinter ihm mit halb weggeschossener Brust auf der Erde lag. Das würde einen Arzt ganz sicher zufriedenstellen. Der Anblick war schon erschreckend, wenn es sich um den Körper von jemand anderem handelte, aber sein eigener…
Er war tot. Tot…tot…Er versuchte, dem Wort in seinem Inneren einen dramatischen Klang zu verleihen, aber das klappte nicht. Er war kein Film-Soundtrack, er war nur einfach tot.

Während er noch in faszinierendem Entsetzen auf seinen Körper starrte, quälte ihn allmählich der Ausdruck eselhafter Dämlichkeit auf dessen Gesicht.
Der Ausdruck war vollkommen begreiflich. Es war ein Gesichtsausdruck, wie ihn jeder haben dürfte, der gerade mit seiner eigenen Jagdflinte von jemanden erschossen wird, der sich im Kofferraum seines Wagens versteckt hat. Trotzdem gefiel ihm der Gedanke nicht, dass jemand ihn fände, wenn er so guckte.
Er kniete sich neben sein Gesicht, in der Hoffnung, er könne seinen Zügen den Anschein von Würde oder relativer Intelligenz verleihen.

Das erwies sich als unglaublich schwierig. Er versuchte, die Haut zu kneten. Diese ekelhaft vertraute Haut. Irgendwie aber kriegte er weder sie noch überhaupt irgendetwas richtig in den Griff. Es war, wie wenn man mit eingeschlafenen Händen versucht, Knetgummi zu formen. Nur dass er mit den Händen nicht von der Form abrutschte, sondern durch sie hindurch. In diesem Fall rutschte er mit der Hand durch sein Gesicht.
Ekelerfülltes Grauen und Wut durchfuhren ihn über seine pure verdammte Unfähigkeit. Zu seiner Bestürzung stellte er plötzlich fest, dass er seinen toten Körper mit festem, zornigem Griff beutelte und schüttelte. Er taumelte mit verblüfftem Entsetzen zurück. Alles, was er zustande brachte, war, dass er dem geistlos dämlichen Blick der Leiche einen verzerrten Blick der Leiche einen verzerrten Mund und einen Schielblick hinzugefügt hatte. Und leuchtende blaue Flecken am Genick. Und leuchtende blaue Flecken am Genick.

Ein Schluchzen überkam ihn. Diesmal erzeugte er einen Laut, ein seltsames Heulen aus dem tiefsten Innern dessen, was immer das auch war, wozu er geworden war. Die Hände vors Gesicht gepresst, taumelte er rückwärts zu seinem Wagen und warf sich auf den Sitz. Der Sitz nahm ihn nachlässig und distanziert auf, wie eine Tante, die mit den letzten fünfzehn Jahren deines Lebens nicht einverstanden ist und dir deshalb nur das allerbilligste Gesöff eingießt, sich aber weigert, dir ins Auge zu blicken.

Konnte er nicht zu einem Arzt gehen?
Um der Absurdität dieses Gedankens nicht ins Gesicht sehen zu müssen, kämpfte er mit dem Steuerrad herum. Seine Händen rutschten durch es hindurch. Er versuchte, sich mit dem Hebel des Schaltgetriebes abzumühen. Es endete damit, dass er wütend dagegenschlug, weil er nicht in der Lage war, ihn richtig zu packen und einzulegen.
Seine Anlage spielte immer noch leichte Orchestermusik. Er entdeckte das Telefon, das die ganze Zeit auf dem Beifahrersitz gelegen und geduldig zugehört hatte. Er starrte es an und bemerkte mit immer fieberhafterer Erregung, dass er noch immer mit Claras Anrufbeantworter verbunden war. Dieser Apparat war von der Sorte, die einfach läuft und läuft, bis man auflegt. Er stand mit der Welt noch in Kontakt.

Verzweifelt versuchte er, den Hörer in die Hand zu nehmen. Er grapschte herum, ließ ihn entgleiten und war am Ende gezwungen, sich hinunterzubeugen. “Clara!” schrie er hinein. Seine Stimme war ein heiseres, fernes Jammern im Wind. “Clara, hilf mir! Hilf mir, um Gottes Willen. Clara, ich bin tot…ich bin tot und…weiß nicht, was ich machen soll…!”
Vor Verzweiflung schluchzend brach er wieder zusammen. Er versuchte, sich an das Telefon zu klammern wie ein Baby, das sich zum Trost an seine Bettdecke klammert.
“Hilf mir, Clara…”, rief er wieder.
“Piep”, sagte das Telefon.

Er blickte wieder nach unten, dorthin, wo er sich dagegenschmiegte. Schließlich hatte er es doch geschafft, auf irgendwas zu drücken. Es war ihm gelungen, den Knopf zu drücken, mit dem man die Leitung unterbrach. Fieberhaft versuchte er, das Ding noch mal zu packen. Doch es schlüpfte ihm beharrlich durch die Finger und lag bewegungslos auf dem Sitz.
Er konnte es nicht anfassen. Er konnte die Knöpfe nicht drücken. Wütend fetzte er es gegen die Windschutzscheibe. Darauf reagierte es, okay. Es flog gegen die Windschutzscheibe, sauste zurück und durch ihn hindurch und blieb reglos auf dem Kardantunnel liegen.

Mehrere Minuten blieb er so sitzen und nickte langsam mit dem Kopf, während sich sein Entsetzen in blankes Elend verwandelte.
Ein paar Autos fuhren vorbei, bemerkten aber nichts Seltsames – einen Wagen, der am Straßenrand hielt. Beim raschen Vorbeifahren in der Nacht erfassten ihre Scheinwerfer wahrscheinlich den Leichnam nicht, der hinter dem Wagen im Grase lag. Ganz sicher bemerkten sie nicht, dass ein Geist darin saß, der leise vor sich hin weinte.

Er wusste nicht, wie lange er schon so dasaß. Er war sich der vergehenden Zeit nicht bewusst, nur dass sie nicht schnell verging. Es gab kaum einen äußeren Anhalt, um das Vergehen der Zeit festzustellen. Ihm war nicht kalt. Er konnte sich kaum noch erinnern, was kalt bedeutete oder wie es sich anfühlte. Er wusste bloß, dass es etwas war, das er in diesem Augenblick eigentlich hätte fühlen müssen.
Schließlich löste er sich aus seinem mitleiderregenden Gehocke. Er würde etwas unternehmen müssen, wenn er auch nicht wusste, was. Vielleicht sollte er versuchen, zu seinem Landhaus zu kommen. Auch wenn er nicht wusste, was er tun sollte, wenn er dort wäre. Er brauchte einfach etwas, um das er sich bemühen musste. Er musste es unbedingt durch die Nacht bis dorthin schaffen.

Er nahm sich zusammen und glitt aus dem Wagen, wobei er mit dem Fuß und dem Knie ohne weiteres durch einen Teil des Türrahmens streifte. Er ging nochmal zu seiner Leiche, um einen Blick darauf zu werfen, aber sie war nicht da.
Als wenn die Nacht nicht schon genügend Schrecken hervorgebracht hätte. Er zuckte entsetzt zurück und starrte auf die feuchte Vertiefung im Gras.
Sein Leichnam war nicht da.

Fortsetzung folgt…

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L’Amour Bleu

Homosexualität gibt es länger als Religionen, Kulturen, Sprachen, ja sogar länger als die Lindenstraße. Im Grunde sollte die sexuelle Ausrichtung Teil des menschlichen Rechtes auf Selbstbestimmung sein. Trotzdem ist die gleichgeschlechtliche Liebe weiterhin Stein des Anstoßes und es wird munter darüber gestritten, ob sie genetische, pädagogische oder soziale Ursachen hat.

Dabei ist es völlig unwichtig, ob auf irgendeinem Y-Chromosom ein Handtäschchen-Icon gefunden wird, es ist Zeit zu akzeptieren, dass Homosexualität wohl nicht mehr verschwinden wird und damit sollte niemand ein Problem haben.

                 (Source: http://fuckyeahthedailyshow.tumblr.com)

Egal für welchen Lebensentwurf man sich auch entscheidet, die Sexualität steht vielfach im Mittelpunkt und das zu Recht. Sex ist die schönste und natürlichste Sache…die man für Geld kaufen kann.

Der Schlüssel für ein harmonisches Zusammenleben liegt jedoch nicht in der viel beschworenen Toleranz sondern im Einhalten von Fluchtdistanzen -  so sollten beispielsweise die Hauptgewinner des diesjährigen Christopher-Street-Day-Kostümwettbewerbs nicht in Ihren „Mein Freund die Faust“-Ensembles durch Istanbul joggen.

Religionen sollten sich aus dieser Frage ganz heraushalten, insbesondere eine Kirche, die so homophob ist, dass man nur noch nach der passenden lateinischen Formulierung sucht, um den Zusammenhang zwischen Homosexualität und globaler Erwärmung herzustellen.

Zum Schluss noch etwas Lebensweisheit:
Wer wirklich glaubt, zwischen heterosexueller und homosexueller Liebe wertend unterscheiden zu müssen, der bedenke, dass im Augenblick des Orgasmus im Gesicht des Betreffenden nicht zu erkennen ist, ob sein Partner gleichen oder unterschiedlichen Geschlechtes ist.

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Kapitel 7: After Dinner (Teil 2)

← Kapitel 7: After Dinner (Teil 1)

Verwirrt den Kopf schüttelnd ging Adrian zurück und tat, worum Hedenius ihn gebeten hatte. Allein in dem großen, unaufgeräumten Zimmer, lauschte er den Schritten des Professors, der eine nach der anderen die Stufen hochging.
Er erklomm sie mit Bedächtigkeit. Es hörte sich an wie das Ticken einer großen, langsamen Uhr.
Adrian hörte ihn den oberen Treppenabsatz erreichen. Dort blieb er ruhig stehen. Sekunden vergingen, vielleicht zehn, vielleicht zwanzig. Dann hörte man wieder das schwere Stampfen und Atmen, das den Professor zuvor so entsetzt hatte.

Adrian schlich rasch zur Tür hinüber, machte sie aber nicht auf. Die Kälte in dem Zimmer bedrückte und belästigte ihn. Er schüttelte den Kopf, um das Gefühl abzuschütteln. Dann hielt er den Atem an, als die Schritte sich langsam wieder in Bewegung setzten.
Nur wenige Sekunden darauf hörte Adrian das lange, langsame Quietschen einer Tür, die Zentimeter für Zentimeter geöffnet wurde.
Lange, lange schien nichts weiter zu passieren.
Dann ging die Tür endlich wieder langsam zu.

Die Schritte überquerten den Treppenabsatz und hielten von neuem an. Adrian zog sich leise ein wenig von der Tür zurück, die er fest im Auge behielt. Die Schritte begannen wieder ganz langsam und leise die Treppe herabzukommen, bis sie unten angelangten. Nach ein paar weiteren Sekunden begann sich die Türklinke zu bewegen.
Die Tür ging auf, und Hedenius trat ruhig ein.
“Es ist alles in Ordnung, es steht bloß ein Pferd im Badezimmer”, sagte er gelassen. Adrian stürzte sich auf ihn und warf ihn zu Boden.

“Nein”, keuchte Hedenius, “nein, gehen Sie von mir runter. Lassen Sie mich los, ich bin völlig in Ordnung, verdammt noch mal. Es ist bloß ein Pferd, ein ganz normales Pferd.”
Er schüttelte Adrian ohne große Schwierigkeiten ab, setzte sich schnaufend auf und fuhr sich mit den Händen durch sein schütteres Haar.
Argwöhnisch, aber in immer größer werdender Verlegenheit, stand Adrian über ihn gebeugt. Er trat zurück und ließ Hedenius aufstehen und sich auf einen Stuhl setzen.
“Nur ein Pferd”, sagte Hedenius, “aber, äh danke, dass Sie mich beim Wort genommen haben.” Er klopfte sich ab.

“Ein Pferd”, wiederholte Adrian.

“Ja”, sagte Hedenius.

Adrian ging hinaus. Er blickte die Treppe nach oben und kam wieder zurück.
“Ein Pferd?” fragte er noch mal.

“Ja, genau”, sagte der Professor. “Warten Sie” – er trat zu Adrian, der eben wieder hinausgehen wollte, um nachzusehen – “Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden…Aber dauern wird es nicht lang.”

Adrian starrte ihn ungläubig an. “Sie sagen, es steht ein Pferd in Ihrem Badezimmer. Und Ihnen fällt nichts besseres ein, als dazustehen und Shakespeare zu zitieren?”

Der Professor starrte ihn verdutzt an.
“Hören Sie”, sagte er. “es tut mir leid, wenn ich…Sie vorhin beunruhigt habe. Es war nur ein leichter Anfall. Regen Sie sich deswegen nicht auf. Du meine Güte, ich habe schon merkwürdigere Dinge erlebt. Viele. Viel merkwürdigere. Es ist ja bloß ein Pferd, du lieber Gott. Später gehe ich rauf und lasse es raus. Machen Sie sich bitte keine Sorgen. Und nun bringen wir unsere Lebensgeister mit etwas Port wieder in Schwung.”

“Aber…wie ist es da reingekommen?”

“Na, das Badezimmerfenster steht offen. Wahrscheinlich ist es da hereingekommen.

Adrian sah ihn, nicht zum erstenmal, mit Augen an, die vor Argwohn sehr schmal waren.
“Sie machen es mit Absicht, nicht wahr?” fragte er.

“Ich mache was, mein lieber Freund?”

“Ich glaube nicht, dass ein Pferd in Ihrem Badezimmer steht”, sagte Adrian plötzlich. “Ich weiß nicht, was dort ist. Ich weiß nicht, was Sie hier treiben. Ich weiß nicht, was ich von dem ganzen Abend halten soll. Aber ich glaube nicht, dass in Ihrem Badezimmer ein Pferd steht.”
Er wischte alle weiteren Proteste von Hedenius beiseite und ging nach oben.

Das Badezimmer war nicht groß.

Das Badezimmer war nicht groß.
Die Wände waren mit altem, eichenen Faltwerk getäfelt. Dagegen waren die Armaturen sachlich und durchschnittlich.
Es lag altes, abgetretenes, schwarzweiß gewürfeltes Linoleum auf dem Fußboden. Eine alte Badewanne stand da, schön sauber, aber mit sehr alten Flecken und angeschlagenen Stellen in der Emaille. Dazu stand ein kleines, primitives Waschbecken mit Zahnbürste und Zahnpasta in einem Duralex-Becher neben den Hähnen.
Auf das wahrscheinlich unbezahlbare Paneel war über dem Waschbecken ein metallenes Badezimmerschränkchen mit Spiegelfront geschraubt. Es sah aus, als sei es schon viele Male überstrichen worden, und der Spiegel war an den Rändern von der Kondensfeuchtigkeit fleckig geworden.
Über der Toilette hing ein altmodischer gußeiserner Wasserkasten mit Kette. Ein alter cremefarben angestrichener Schrank stand in der Ecke. Daneben befand sich ein Wiener Caféhausstuhl, auf dem ein paar säuberlich zusammengefaltene, aber fadenscheinige kleine Handtücher lagen.
Außerdem stand ein großes Pferd in dem Raum und nahm den größten Teil davon ein.

Adrian starrte es an. Es starrte taxierend zu ihm zurück. Adrian schwankte leicht. Das Pferd stand völlig unbeweglich. Nach einer Weile blickte es zu dem Schrank hinüber. Das Pferd schien sich damit abgefunden zu haben, dass es da stand, wo es stand, bis es woanders hingestellt würde. Es schien auch…ja, wie erschien es?

Es badete im Licht des Mondscheins, der durch das Fenster fiel. Das Fenster war offen, aber klein und obendrein im zweiten Stock. Die Vorstellung, das Pferd sei auf diesem Wege hereingekommen, war deshalb absolut bizarr.
Irgendwas war seltsam an dem Pferd, aber er konnte nicht sagen, was. Schön, eins war wirklich sehr seltsam. Und das war, dass es in einem Universitäts-Badezimmerfenster stand. Vielleicht war das auch alles.

Er streckte zaghaft die Hand aus, um dem Wesen den Hals zu tätscheln. Es fühlte sich normal an – fest, glatt, in guter Verfassung. Die Wirkung des Mondlichts auf seinem Fell war ein bisschen verwirrend, aber alles sieht bei Mondlicht etwas merkwürdig aus. Das Pferd schüttelte leicht die Mähne, als er es berührte.

Nachdem Adrian es getätschelt hatte, streichelte er es ein paarmal und kraulte es sanft unter dem Maul. Dann sah er, dass in der anderen Ecke noch eine zweite Tür in das Badezimmer führte. Er ging vorsichtig um das Pferd herum und näherte sich der Tür. Er trat rückwärts an sie heran und stieß sie zaghaft auf.
Sie führte in das Schlafzimmer des Professors. Es war ein kleiner, mit Büchern, Schuhen und einem schmalen Bett vollgestopfter Raum. Auch dieses Zimmer hatte noch eine zweite Tür, die wieder auf den Treppenabsatz hinausging.

Adrian bemerkte, dass der Boden des Treppenabsatzes, wie bereits die Treppe, frisch abgetreten und zerkratzt war. Diese Kerben bestärkten ihn in der Idee, dass das Pferd irgendwie die Treppe hinaufgeschoben worden war. Er hätte es ungern selber tun wollen. Noch weniger gern wäre er das Pferd gewesen und hätte es mit sich geschehen lassen. Doch irgendwie möglich war es schon.
Aber warum? Er warf einen letzten Blick auf das Pferd, das ihm einen letzten Blick zuwarf. Dann ging er wieder nach unten.

“Ich gebe mich geschlagen”, sagte er. “In Ihrem Badezimmer steht ein Pferd, und ich möchte nun doch einen kleinen Port.”
Er goss etwas für sich ein, dann für Hedenius, der mit leerem Glas schweigend ins Nichts starrte.

“Ich hatte ja sowieso drei Gläser bereitgestellt”, sagte Hedenius im Plauderton. “Ich habe mich vorhin gefragt, warum. Jetzt fällt’s mir wieder ein.
Sie fragten, ob Sie eine Freundin mitbringen dürften, aber offenbar haben Sie’s nicht getan. Wegen des Sofas zweifellos. Machen Sie sich nichts draus, so was kommt vor. Brrr, nicht zuviel, sonst läuft’s noch über.”

Alle Pferdefragen verflüchtigten sich jäh aus Adrians Kopf.
“Habe ich das?” fragte er.

“Aber ja. Ich erinnere mich jetzt wieder. Sie riefen noch mal an und fragten, ob es recht sei. Ich sagte, ich wäre entzückt, und das hatte ich auch wirklich vor. Ich an Ihrer Stelle würde das Ding zersägen. Opfern Sie Ihr Glück nicht einem Sofa. Aber vielleicht ist sie auch zu dem Schluss gekommen, ein Abend mit Ihrem alten Tutor würde entsetzlich langweilig werden. Und entschied sich für die kurzweiligere Idee, sich lieber die Haare zu waschen.
Du liebe Güte, ich weiß, was ich getan hätte. Es ist nur das fehlende Haar, was mich dieser Tage zwingt, so hektische Geselligkeit zu suchen.”

Nun war Adrian mit dem weißen Gesicht und dem stieren Blick an der Reihe.
Ja, er hatte angenommen, Clara würde nicht mitkommen wollen.
Ja, er hatte zu ihr gesagt, es würde schrecklich langweilig werden.
Aber sie hatte darauf bestanden mitzukommen. Es sei die einzige Möglichkeit für sie, ein paar Minuten lang sein Gesicht nicht im Lichtschein eines Computerbildschirms zu sehen. Er hatte sich bereit erklärt und alles arrangiert, dass er sie nun doch mitbrächte.
Nur hatte er das vollkommen vergessen. Er hatte sie nicht abgeholt.
Er sagte: “Darf ich mal Ihr Telefon benutzen?”

Fortsetzung folgt…

Kapitelübersicht und Inhaltsangabe

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“Du bloggst? Ähm……aha…”

Gelegentlich höre ich von Menschen, die mit dem Internet nicht viel am Hut haben, dass sie sich nicht mit Blogs beschäftigen und erst recht nicht sie regelmäßig lesen. Weil dies ihrer Meinung nach etwas ist, was ihnen nichts bringt. Und wenn sie erfahren, dass man selbst einen Blog führt, schauen sie einen dann auf dieselbe belächelnde und zugleich bemitleidende Art an, wie unsereins Rollenspielfans auf dem Weg zu einem Animexx-Treffen.

“Du bloggst? Ähm…aha.”

….Schweigesekunde…

“Und was hast Du davon?”

(Natürlich wollen Sie nun meine Antwort darauf hören. Aber so einfach will ich es Ihnen nicht machen. Da müssen Sie sich schon durchlesen. Ich weiß. In der Direktvertriebssprache ist ein “Sie müssen” absolut tabu. Ich will Ihnen ja auch kein Abo andrehen. Sie können freiwillig oben rechts draufklicken. Das sage ich auf die Gefahr hin, dass sich dieser in meinen Augen geschickter Schachzug als Fallstrick erweist, wenn einige von Ihnen sich sagen: “Pfff. Hätte er wohl gerne. Interessiert mich gar nicht.” Aber zurück zum Thema)

Erst kürzlich sagte einer von ihnen, also den Nicht-Bloggern, mit einer Portion Abscheu: “Das (bloggen) würde ich nie machen!” – so als wäre ein Blog etwas dummes. Etwas unsittliches. Als würde ich Nacktbilder von mir zusammen mit Adresse, Telefonnummern und Kontodaten posten.

Mir geht es gar nicht darum, dass jeder Mensch mit Internetzugang einen Blog schreibt, liest oder twittert. Allerdings kann ich es nicht leiden, wenn Leute etwas nicht verstehen, weil sie es nicht kennen oder kennen wollen – und deswegen meinen es abwerten und ihm seine Daseinsberechtigung entziehen zu müssen.

Sie sehen nicht den Nutzen oder die Möglichkeit in einem Blog etwas neues oder interessantes oder lustiges zu erfahren. Damit komme ich auch zu der oben angekündigten Antwort auf die Frage “was hast Du davon?” Geschickt eingeflochten, wie ich finde. Aber genug des Selbstlobes, ich überlasse das gerne Ihnen beim Kommentieren dieses Artikels.

Es geht beim Bloggen genau darum: Sachen zu entdecken, die einem gefallen. Und wenn mich ein Blogger zum Schmunzeln oder zum Nachdenken bringt, dann, so finde ich, hat er seine Daseinsberechtigung schon gefunden.

Ein Beispiel: Vor Jahren stieß ich durch Zufall auf einen Artikel von John Cleese (!) und ich erinnere mich, dass ich damals ziemlich lachen musste. Ganz abgesehen von der Freude, über etwas aus der Feder des großes Meisters gelesen haben zu dürfen. Für die Cleese-Fans unter ihnen hier noch ein kleines Bonmot, aus seiner Trauerrede für seinen verstorbenen Freund und Kollegen Graham Chapman (Mitglied der Monty Pythons, spielte die Rolle des König Artus in “Die Ritter der Kokosnuss” und Brian in “Das Leben des Brian”. Eine Schande, das überhaupt erwähnen zu müssen)

Ich glaube nicht, dass das unbedingt jeder gelesen oder gesehen haben muss. Aber das Schlimmste, was durch das Lesen eines Blogs passieren kann, ist, dass man anschließend um ein paar Erkenntnisse und/oder Schmunzler reicher ist. Und Lachen ist bekanntlich gesund.

Aber nicht nur, dass keiner dieser ignoranten, blogverachtenden analogen Menschen sich selbst um die Erfahrung bringt, was es für ein Gefühl ist, wenn einem vor Lachen der Kaffee durch die Nase schießt, nein, sie werden auch nie erfahren, wie man eine Eule zeichnet (eine Fähigkeit, um die man auf der ganzen Welt beneidet wird).

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Also, liebe Nicht-Blogger: Booyah! In your face.

[Eigentlich wollte ich nur das Eulenbild posten, aber mich überfiel spontaner Wortdurchfall. Man möge mir verzeihen. Oder auch nicht.]

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Kapitel 7 – After Dinner

←Kapitel 6: Der Tod des Matz Sievekind

“Kommen Sie rein, mein Lieber, kommen Sie.”
Die Tür zu Hedenius Zimmerflucht in der Universität befand sich an einer langen Wendeltreppe in der Ecke des Zweiten Hofes. Sie war nicht gut beleuchtet. Das heißt, sie war ausgezeichnet beleuchtet, wenn das Licht funktionierte. Aber das Licht funktionierte nicht, deshalb war die Tür nicht gut beleuchtet. Obendrein war sie verschlossen.
Hedenius hatte Schwierigkeiten, den Schlüssel aus einem Bund herauszusuchen, das aussah wie etwas, das ein tüchtiger Ninja-Krieger hätte durch einen Baumstamm fetzen können.

Die Tür war eine massive Platte aus grau gestrichener Eiche, an der nur ein schmaler Schlitz für Briefe und ein Sicherheitsschloss zu bemerken war, zu dem Hedenius endlich den Schlüssel fand.
Er schloss auf und öffnete sie. Dahinter befand sich eine normale weiß gestrichene Tür mit einem normalen Messingdrehknopf.

“Kommen Sie rein, Kommen Sie rein”, wiederholte Hedenius, während er diese Tür aufmachte und nach dem Lichtschalter suchte. Er zögerte einen Augenblick merkwürdig angespannt auf der Schwelle, als wolle er sich von etwas überzeugen, ehe er eintrat. Dann aber eilte er mit dem äußeren Anschein von Fröhlichkeit hinein.

Es war ein großer, getäfelter Raum, den eine Sammlung liebenswert abgenutzter Möbel behaglich anfüllte. An der hinteren Wand stand ein großer, abgeschabter Mahagonitisch mit dicken, hässlichen Beinen. Er war mit Büchern, Akten, Broschüren und schwankenden Stapeln Papier beladen. Gleich daneben stand ein kleiner Regency-Schreibtisch – der wertvoll hätte sein können, wäre er nicht so schlecht behandelt worden-, dazu zwei elegante barocke Stühle, ein ungeheurer klassizistischer Bücherschrank und so weiter. Es war mit einem Wort ein Professorenzimmer.
Es hingen die einem Professor entsprechenden gerahmten Landkarten und Stiche an den Wänden und auf dem Boden lag ein fadenscheiniger, ausgeblichener Professorenteppich. Es sah aus, als hätte sich darin jahrzehntelang nur wenig verändert.

Zwei Türen führten an jedem Ende der gegenüberliegenden Wand nach draußen. Adrian wusste von früheren Besuchen, dass eine in ein Arbeitszimmer ging, das wie eine kleinere Version dieses Zimmers aussah – noch größere Bücherhaufen und noch höhere Papierstapel in noch unmittelbarerer Gefahr umzukippen.
Die andere Tür führte in eine kleine, bescheiden eingerichtete Küche und zu einer gewendelten Innentreppe, an deren oberen Ende das Schlafzimmer des Professors stand.

“Versuchen Sie, es sich auf dem Sofa bequem zu machen”, forderte Hedenius auf, der gastfreundlich herumfuhrwerkte. “ich weiß nicht, ob Ihnen das gelingen wird. Ich habe immer das Gefühl, es ist mit alten Lappen und Bestecken vollgestopft.” Er blickte ernst zu Adrian rüber. “Haben Sie ein gutes Sofa?” fragte er.

“Hm, ja.” Adrian lachte. Ihn amüsierte die Albernheit dieser Frage.

“Aha”, sagte Hedenius würdevoll. “Tja, vielleicht erzählen Sie mir mal, woher Sie’s haben. Ich habe endlose Scherereien damit. Mein ganzes Leben lang habe ich kein bequemes Sofa aufgetrieben. Wie haben Sie denn Ihres gefunden?” Er stieß mit leicht erstaunter Miene auf ein kleines Silbertablett, auf dem eine Karaffe mit Port und drei Gläser standen.

“Tja, es ist komisch, dass Sie das fragen”, sagte Adrian. “Ich habe noch nie drauf gesessen.”

“Sehr klug”, beteuerte Hedenius mit ernstem Gesicht, “sehr, sehr klug.”

“Nicht, dass ich es nicht gern täte”, sagte Adrian. “Es ist nur so, dass es auf der Hälfte einer langen Treppe, die zu meiner Wohnung führt, festklemmt. Soviel ich herausbekommen habe, haben die Lieferfahrer es ein Stück die Treppe hochgeschafft. Dann kamen sie nicht weiter und drehten es in alle möglichen Richtungen. Sie stellten dann merkwürdigerweise fest, dass sie es auch nicht wieder nach unten bekamen. Aber eigentlich ist das doch unmöglich.”

“Komisch”, stimmte Hedenius zu. “Unlösbaren mathematischen Berechnungen über Sofas bin ich noch nie begegnet. Könnte ein neues Fach sein. Haben Sie mal mit einem Spezialisten auf dem Gebiet der Stereometrie gesprochen?”

“Ich habe was viel Besseres gemacht. Ich holte mir einen Nachbarjungen, der den Zauberwürfel früher in siebzehn Sekunden schaffte. Er setzte sich auf eine Treppenstufe und starrte über eine Stunde lang das Sofa an. Dann erklärte er es für unwiderruflich eingeklemmt.” Adrian zuckte mit den Achseln.

“Sprechen Sie weiter, mein Lieber, es interessiert mich sehr. Sagen Sie mir aber vorher, ob ich Ihnen etwas bringen kann. Vielleicht Port? Oder Brandy? Ich glaube, der Port ist der bessere Tip. Von der Universität im Jahre 1934 eingelagert, einem der besten Jahrgänge, die man finden kann. Andererseits habe ich im Augenblick gar keinen Brandy. Vielleicht noch etwas Wein? Ich habe einen hervorragenden Margaux, für den ich schon seit längerem einen Vorwand suche, ihn endlich aufzumachen. Allerdings sollte er eine oder zwei Stunden offen stehen. Ich könnte ja…nein”, sagte er hastig, “wahrscheinlich besser, sich nicht heute abend über den Margaux herzumachen.”

“Tee wäre wirklich ganz nach meinem Geschmack”, sagte Adrian, “wenn Sie welchen haben.”

Hedenius zog die Augenbrauen in die Höhe. “Sind Sie sicher?”

“Ich muss ja noch mit dem Auto nach Hause.”

“Stimmt. Dann ziehe ich mich für ein paar Minuten in die Küche zurück. Aber erzählen Sie bitte weiter, ich höre Sie trotzdem. Fühlen Sie sich frei, inzwischen auf meinem Sofa Platz zu nehmen. Klemmt Ihres denn schon lange?”

“Ach, erst seit zwei oder drei Wochen”, sagte Adrian und setzt sich. “Ich könnte es ja auch zersägen und wegschmeißen. Aber ich kann einfach nicht glauben, dass es keine logische Antwort gibt. Deshalb habe ich das Problem dreidimensional auf meinem Computer nachgestellt – und bis jetzt sagt er nur, unmöglich.”

“Er sagt was?” rief Hedenius aus der Küche.

“Dass es nicht geht. Ich habe dem Computer gesagt, er soll die notwendigen Schritte berechnen, damit man das Sofa wieder herausbekommt. Er hat gesagt, es gäbe keine. Ich sagte: ‘Was?’, und er sagte, es gäbe keine. Dann bat ich ihn, die notwendigen Schritte zu berechen, um erst mal das Sofa in seine jetzige Lage zu bringen. Und das ist das wirkliche Rätsel an der Geschichte. Der Computer teilte mir mit, das Sofa könne gar nicht da hingekommen sein. Nicht ohne grundlegende Umgestaltung der Wände. Also entweder stimmt etwas mit meinen Wänden nicht, oder”, setzte er seufzend hinzu, “an dem Programm ist was verkehrt. Was würden Sie raten?”

“Sind Sie verheiratet?” rief Hedenius.

“Was? Ähm, nein, nicht verheiratet. Es gibt ein ganz bestimmtes Mädchen, mit dem ich nicht verheiratet bin.”

“Wie heißt sie? Was macht sie?”

“Sie heißt Clara und ist Cellistin von Beruf. Ich muss zugeben, dass das Sofa ein wenig ein Thema war. Tatsächlich ist sie wieder in ihre eigene Wohnung gezogen, bis ich die Sache gelöst habe. Sie, na ja…”
Er wurde traurig.

“Jaaaa…?” hörte er Hedenius Stimme aus der Küche.

“Sie ist Matzs Schwester”, setzte er schließlich hinzu. “Aber sie sind sehr verschieden. Ich glaube nicht, dass sie Computer toll findet. Sie kann seine Einstellung zu Geld nicht leiden, aber das verüble ich ihr auch nicht.”

Adrian stand da und wanderte ziellos in dem Raum herum. Er überlegte, was er hier eigentlich tue, wo er doch so viel Arbeit hatte. Matz lag ihm ständig in den Ohren, die neue 2.0 Version von Anthem fertig zu stellen und er war damit ziemlich im Rückstand. Plötzlich wusste er genau, warum er hier war.
Nun, es war ein angenehmer Abend gewesen, auch wenn er nicht erkennen konnte, warum Hedenius ihn wiedersehen wollte. Er nahm ein paar Bücher vom Tisch. Die Bücherstapel sahen aus, als lägen sie schon seit Wochen da. Das Fehlen von Staub unmittelbar um sie herum bewies aber, dass sie erst vor kurzem bewegt worden waren.
Ein Gedanke an Clara nagte an ihm, aber daran war er gewöhnt. Er blätterte in den beiden Büchern herum, zu denen er gegriffen hatte.

Das eine, ein älteres, war ein Bericht über die Geistererscheinungen in Hohensyburg, einem der verwunschensten Orte in ganz Deutschland. Der Rücken des Buches fiel langsam auseinander. Die Fototafeln waren so grau und unscharf, dass man nichts mehr darauf erkennen konnte.
Das andere Buch war neuer und aufgrund eines komischen Zufalls ein Reiseführer durch die griechischen Inseln. Als er gedankenverloren darin herumblätterte, fiel ein Stück Papier heraus.

“Milch?” rief Hedenius

“Äh, bitte”, antwortete Adrian, der sich bückte um das Stück Papier aufzuheben.

“Ein Stück oder zwei?”

“Eins bitte.”
Adrian schob das Papierchen in das Buch zurück. Dabei bemerkte er, dass eine eilig hingekritzelte Notiz darauf stand. Die Notiz lautete: “Betrachte diesen schlichten silbernen Salzstreuer. Betrachte diese schlichte Mütze.”

“Zucker?”

“Äh, was?” fragte Adrian verdutzt. Er legte das Buch schnell wieder auf den Stapel.

“Bloß ein kleiner Scherz von mir.” sagte Hedenius munter, “um zu sehen, ob mir die Leute zuhören.” Er tauchte strahlend aus der Küche auf, ein kleines Tablett mit zwei Tassen in der Hand, das er plötzlich zu Boden warf. Der Kaffee schwappte über den Teppich. Eine der Tassen zerbrach und die andere hüpfte unter den Tisch. Hedenius lehnte sich mit weißem Gesicht und stierem Blick gegen den Türrahmen.

Starr glitt eine kurze Spanne Zeit vorbei, in der Adrian zu erschrocken war um zu reagieren. Dann machte er einen linkischen Satz nach vorn, um zu helfen. Aber der alte Herr entschuldigte sich bereits und bot ihm an, eine neue Tasse aufzugießen. Adrian half ihm zum Sofa.
“Geht es Ihnen gut?” fragte er hilflos. “Soll ich einen Arzt holen?”

Hedenius beruhigte ihn mit einer Handbewegung. “Alles in Ordnung”, beteuerte er, “mir geht es fabelhaft. Dachte, ich höre ein Geräusch, das mich erschreckte. Aber es war nichts. Lassen Sie mich einfach zu Atem kommen. Ich denke, ein bisschen, äh, Port wird mir wunderbar auf die Beine helfen. Tut mir furchtbar leid, ich wollte Sie nicht erschrecken.”
Er fuchtelte in Richtung Portkaraffe. Adrian goss rasch ein Gläschen ein und reichte es ihm.

“Was denn für ein Geräusch?” fragte er und überlegte, was um alles auf der Welt ihn so erschrecken könnte.
In dem Moment hörte man eine Treppe höher sich etwas bewegen und ungeheuer schwer atmen.

“Das da…”, flüsterte Hedenius. Das Glas Port lag zersplittert zu seinen Füßen. Oben stampfte jemand offenbar mit den Füßen auf.
“Haben Sie es gehört?”

“Äh, ja.”

Das schien den alten Herrn zu beruhigen.
Adrian blickte ängstlich hinauf an die Zimmerdecke. “Ist jemand da oben?” fragte er und hatte das Gefühl, das sei eine schwache Frage. Aber eine Frage, die gestellt werden musste.

“Nein”, sagte Hedenius mit leiser Stimme, die Adrian durch die Angst entsetzte, die in ihr mitschwang, “keiner. Niemand, der dort sein sollte.”

“Dann…”

Hedenius rappelte sich schwankend hoch. Plötzlich strahlte er eine wilde Entschlossenheit aus.
“Ich muss da rauf”, sagte er ruhig, “Ich muss. Bitte warten Sie hier auf mich.”

“Hören Sie, worum handelt es sich?” fragte Adrian, der zwischen Hedenius und der Tür stand. “Was ist es, ein Einbrecher? Hören Sie zu, ich gehe da rauf. Ich bin sicher, es ist nichts, bloß der Wind oder so was.”
Adrian wusste nicht, warum er das sagte. Es war zweifellos nicht der Wind oder irgendwas Ähnliches wie der Wind. Es war zwar vorstellbar, dass der Wind heftige Atemgeräusche machte, aber er würde kaum mit den Füßen stampfen.

“Nein”, sagte der alte Herr und schob ihn höflich, aber bestimmt beiseite, “ich muss es tun.”

Adrian folgte ihm ratlos durch die Tür in den kleinen Flur, hinter dem die winzige Küche lag. Eine dunkle Holztreppe führte von hier nach oben; die Stufen wirkten schadhaft und ausgetreten.
Hedenius schaltete eine Lampe ein. Es war eine trübe Birne, die nackt am oberen Ende der Treppe hing. Er blickte mit grimmiger Besorgnis zu ihr hinauf.

“Warten Sie hier”, sagte er und stieg zwei Stufen nach oben. Dann drehte er sich um und sah Adrian mit einem Blick voll tiefstem Ernst an.
“Es tut mir leid”, sagte er, “dass Sie in etwas hineingezogen worden sind, das…die schwierigere Seite meines Lebens darstellt. Aber jetzt sind Sie davon mit betroffen, deshalb muss ich Sie um etwas bitten.
Ich weiß nicht genau, was mich dort oben erwartet. Ich weiß nicht, ob es etwas ist, das ich dummerweise selbst mit meinen Hobbys…heraufbeschworen habe.
Was ich Sie bitten möchte, ist dies. Wenn ich die Treppe wieder runterkomme – vorausgesetzt natürlich, ich komme wieder – und Ihnen mein Verhalten in irgendeiner Weise seltsam vorkommt, dann müssen Sie sich auf mich stürzen und zu Boden werfen.
Verstehen Sie? Sie müssen mich daran hindern, irgendetwas zu tun, was ich zu tun versuchen könnte.”

“Aber wie erkenne ich das?” fragte Adrian skeptisch.

“Sie werden es schon wissen”, sagte Hedenius. “Warten Sie nun bitte in dem großen Zimmer auf mich. Und schließen Sie die Tür.”

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Inhaltsangabe und Kapitelübersicht

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Geistige Evolution

Lassen Sie sich durch den hochtrabend klingenden Titel nicht verwirren oder ängstigen, dass es sich hier um einen pseudo* Möchtegern-Wissenschaftlichen Artikel handelt *(Mir fiel ein, dass ich Leute, die das Wort pseudo inflationär gebrauchen nicht ausstehen kann. Da muss ich strikt gegenüber mir selbst sein. Es reicht, wenn Sie wissen, dass mir das Fremdwort geläufig ist. Wobei andererseits die Pseudo-Sager das Wort pseudo aus dem gleichen Grund benutzen. Ich hätte mir das also alles sparen können. Wo war ich? Ach ja…)

*räuspert sich *

Vor ein paar Wochen schaute ich mir Dieter Nuhr in der von ihm moderierten Sendung “Satiregipfel” an. Ich bin jemand, der gerne Kabarettsendungen sieht wie bsp. Neues aus der Anstalt oder Mitternachtspitzen.

Als ich nun so bei Dieter Nuhr dasaß, musste ich jedoch feststellen, dass mir etwas fehlte. Und es machte Klick (was es immer tut, wenn ich zu einer Erkenntnis komme): ich glaube, dass Menschen, die sich in ihrer Freizeit mit so etwas wie Kabarett und ähnlichem Zeug befassen, eine Entwicklung durchmachen – eine Art geistige Evolution.

Ich habe damals, irgendwann im vorigen Jahrtausend, mit Ingo Appelt begonnen. Da war ich etwa siebzehn und fand ihn wegen seiner Grönemeyer-Parodien und seiner sehr direkten Art witzig und interessant. Damals galt jemand, der im TV dauernd ficken oder scheiße sagt als unheimlich provokant. Heute kann selbst ein Serdar Somuncu keinen mehr schocken.

Kurze Zeit später ging ich dann zu Michael Mittermaier über, bis ich dann irgendwann seiner hibbeligen Art etwas überdrüssig wurde. Dann fand ich zu Dieter Nuhr und mochte seine lakonisch sarkastische Art gepaart mit Intelligenz auf Anhieb. Und auch heute noch finde ich ihn erfrischend, sein letztes Buch “Der ultimative Ratgeber für alles” habe ich gleich zweimal verschlungen.

Aber während ich ihn im Satiregipfel sah, vollzog sich bei mir allmählich der nächste Schritt. Mir wurde klar, dass ich die nächste Stufe meiner kabarettistischen Evolution  erreicht und Dieter Nuhr hinter mir gelassen hatte. Ich bin schon längst und  total ungeplant beim politischen Kabarett gelandet. Und zwischen den Lachern bei Nuhr kam mir immer wieder der Gedanke: “Dieter, das ist zwar witzig, was du hier machst, aber du bist nicht Pispers…”

“…oder Uthoff.”

Es ist die gleiche Erfahrung, die ich im TV oder Kino bei historischen Hollywoodfilmen gemacht habe.  Ich bin ein Geschichtsfreak. Schon immer gewesen. Und als solcher war es nur eine Frage der Zeit bis ich zu dem Punkt gelangte, an dem ich Popcorn mampfend, völlig sorglos im Kino sitzend unbewusst aufsprang (innerlich) und wie ein Besessener losbrüllte (ebenfalls innerlich) : “Was soll der Mist? Das stimmt doch gar nicht.”

Ich erinnere mich noch genau daran. Dabei verhieß der Trailer zu Königreich der Himmel soviel Gutes.

Ein Film über die Kreuzzüge. Saladin. Jerusalem. Mich hat diese Phase der Geschichte schon immer fasziniert. Ich war euphorisch. So können sich wahrscheinlich nur Geschichtsfanatiker und Orlando Bloom Fans freuen. Leider kamen nur Orlando Bloom Fans auf ihre Kosten, während ich auf dem Sitz nervös hin- und herrutschte.

Es war zu spät. Man kann einen evolutionären Sprung, sei er auch nur rein intellektuell, nicht wieder rückgängig machen, genauso wie man dem Daumen nicht sagen kann Geh wieder weg!. Es ist eine Entwicklung, die jeder Mensch unterschiedlich schnell und unterschiedlich weit durchläuft.

Und ich  werde nie wieder solche Filme mir einfach nur so ansehen können. Die Unbeschwertheit des historischen Laien ist dahin. Sobald man einmal mit dem Lesen und dem sich Weiterbilden begonnen hat, führt kein Weg mehr zurück in den Nebel der Unwissenheit. Rückgängig gemacht werden kann dieser Prozess nur durch eine Demenz oder eine andere Schädigung des Hirns.

Wir wurden von niemandem gewarnt, als wir uns zum ersten Mal in die Uni-Bibliothek trauten, als wir unseren ersten Spiegel oder Stern kauften oder unsere erste Dokumentation sahen. Und nun ist es zu spät. Wir können nicht zurück.

Lebt wohl, Gladiator und Braveheart. Und leb wohl Nuhr. Ihr wart mir  wundervolle Gefährten. Nun aber wird es Zeit weiterzuziehen.

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Kapitel 6: Der Tod des Matz Sievekind

Kapitel 5: Wer ist Laszlo Shepard?

Es war der Abend des letzten Tags in Matz Sievekinds Leben. Er war mit seinem Wagen unterwegs zu seinem Landhaus in Falkensee und fragte sich, ob der Regen wohl über das Wochenende ausbleiben werde. Die Wettervorhersage hatte wechselhaft gesagt – eine neblige Nacht heute Nacht, mit vielleicht ein paar vereinzelten Schauern gegen Sonntagabend, wenn alle wieder in die Stadt zurückfuhren.
Alle, das heißt, bis auf Matz Sievekind.

Die Wettervorhersage hatte das natürlich nicht erwähnt, das war nicht die Aufgabe der Wettervorhersage. Dagegen war sein Horoskop ganz schön irreführend gewesen. Es hatte von einer ungewöhnlich starken Planetentätigkeit in seinem Sternzeichen gesprochen. Es hatte ihn gedrängt, zwischen dem zu unterscheiden, was er meine haben zu müssen, und dem, was er wirklich brauche. Ihm wurde nahegelegt, seelische oder Arbeitsprobleme mit Ehrlichkeit und äußerster Entschlossenheit anzupacken. Aber es hatte unerklärlicherweise zu erwähnen unterlassen, dass er, ehe der Tag zu Ende wäre, tot sei.

Er hielt an einer kleinen Tankstelle, um Benzin nachzufüllen. Einen Augenblick lang blieb er im Wagen sitzen. Es war ein großer silbergrauer Mercedes von der Sorte, wie er in Reklamefilmen benutzt wird, und nicht bloß in Reklamefilmen für Mercedes.
Matz Sievekind, Claras Bruder, war ein reicher Mann und der Chef einer Computersoftware-Entwicklungsfirma. Matz war zum Boss aufgestiegen, als der Firmengründer an einer Überdosis Backsteinmauer gestorben war, die er unter dem Einfluss eines Ferrari und einer Flasche Tequila zu sich genommen hatte.

Er schob eine CD in den Schlitz seiner Anlage. Sie schluckte es mit einem leisen, sittsamen Klicken. Ein, zwei Sekunden später entströmte Ravels Bolero aus acht perfekt aufeinander abgestimmten Lautsprechern mit feinmaschigen, mattschwarzen Abdeckungen. Die Surroundwirkung war so sauber und plastisch, dass man fast die ganze Eisfläche spüren konnte. Er klopfte leicht mit den Fingern gegen das gepolsterte Steuerrad. Er sah auf das Armaturenbrett. Geschmackvoll erleuchtete Zahlen und winzige, makellose Lämpchen blickten matt zu ihm zurück.

Nach einer Weile stieg er aus, um zu tanken.
Das dauerte ein, zwei Minuten. Er stand da, den Tankstutzen in der Hand und stampfte in der kalten Nachtluft mit den Füßen und ging rüber in den kleinen schmuddeligen Kiosk um das Benzin zu bezahlen. Dann erinnerte er sich daran, dass er ein paar Landkarten von der Gegend kaufen wollte, und dann plauschte er ein paar Minuten lang mit dem Kassierer begeistert über Simultanprocessing, Rentabilitäts-Software, Prolog-Sprache und die Zukunft des Office-Desk-Top-Enviroments – ein Thema, das den Kassierer nicht im geringsten fesselte.

“Der Typ wollte eenfach quatschn”, erzählte der Kassierer später der Polizei. “Mann, ick hätte zehn Minuten uffs Klo jehn könn, und der hätte det allet der Ladenkasse erzählt. Wenn ick fuffzen Minuten wechjeblieben wär, wär ooch de Ladenkasse abjehaun. Ja, ick bin mia sicha, dassa det is”, setzte er hinzu, als ihm ein Foto von Matz Sievekind gezeigt wurde. “Ick war bloß zuerst nich sicha, weil er uffm Foto den Mund zu hat.”

“Und Sie sind sich absolut sicher, dass Sie sonst nichts Verdächtiges bemerkt haben?” bohrte der Polizist nach. “Nichts, was Ihnen irgendwie komisch vorgekommen ist?”

“Nee, wie ick schon sachte, er war’n janz normala Kunde an nem janz normalen Abend, der jenau wie jeda andre Abend war.”

Der Polizist starrte ihn verdutzt an. “Nur um noch mal nachzufragen”, fuhr er dann fort, “wenn ich plötzlich so machen würde…” – er verdrehte schielend die Augen, streckte die Zunge seitlich zum Mund heraus und tanzte auf und ab, wobei er sich die Finger in die Ohren schraubte-, “würde Ihnen daran was auffallen?”

“Na ja, äh, doch”, sagte der Kassierer und trat nervös einen Schritt zurück. “Ick würd meenen, Sie wärn total plemplem.”

“Gut”, sagte der Polizist und steckte sein Notizbuch ein. “Es ist ja nur, dass verschiedene Leute manchmal verschiedene Vorstellungen von >komisch< haben, Sie verstehen. Ein Protokoll setzen wir später auf, danke für ihre Auskünfte.”

Das alles sollte erst später passieren.

An diesem Abend steckte Matz die Landkarten in die Tasche und schlenderte zu seinem Auto zurück. Der Wagen stand unter den Lampen im Nebel, war mit einer feinperligen Schicht matter Feuchtigkeit überzogen und sah aus wie – tja, er sah aus wie ein wahnsinnig teurer Mercedes-Benz.

Er tätschelte den Wagen voll Besitzerstolz, ging dann um ihn herum, bemerkte, dass der Kofferraum nicht richtig geschlossen war, und drückte ihn zu. Er schloss sich mit einem schönen, satten Plonk. Er hatte ein Dutzend Dinge im Kopf, über die er mit Clara reden musste. Er stieg ein und drückte auf den Selbstwählcode seines Telefons, sobald der Wagen wieder zurück auf die Straße schnurrte.

“…wenn Sie eine Nachricht hinterlassen wollen, werde ich sie so bald wie möglich zurückrufen. Oder auch nicht…”
Piep.

“Oh, hallo Clara, hier ist Matz. Eben auf dem Weg zum Landhaus. Es ist, äh, Donnerstagabend, und es ist, äh…20 Uhr 37. Bisschen neblig auf den Straßen. Hör zu, ich habe dieses Wochenende Leute aus den Staaten da, um über den Vertrieb der 2.0 Version von Anthem zu diskutieren, wie man die Werbung ankurbelt und so weiter.
Sieh mal, du weißt, ich bitte dich nicht gern um solche Sachen, aber du weißt, ich tue’s trotzdem jedesmal, also pass auf.

Ich möchte nur wissen, ob Adrian an der Sache arbeitet. Ich meine, wirklich dran ist. Ich weiß, ihr zwei macht gerade eine schwierige Phase durch. Aber ich kann ihn fragen, und er antwortet: Na, sicher, es läuft prima, aber die halbe Zeit – Scheiße, dieser LKW hatte aber helle Scheinwerfer. Keiner von den verfluchten LKW-Fahrern blendet richtig ab. Es ist ein Wunder, wenn ich nicht tot im Straßengraben lande. Das wäre was, findest du nicht auch, wenn man seine berühmten letzten Worte auf jemandes Anrufbeantworter hinterließe…

Okay, hör zu, kannst du mir einen Zettel hinlegen dass ich Clara sage – nicht dir natürlich, der Sekretärin Clara im Büro -, dass ich ihr sage, sie soll in meinem Namen dem Typen im Umweltministerium schreiben, dass wir das technische Know-How liefern können, wenn er für das entsprechende Gesetz sorgt?

Es kommt dem Wohl der Allgemeinheit zugute, und er schuldet mir sowieso noch ‘ne Gefälligkeit. Außerdem, was nutzt es, einen Verdienstorden zu haben, wenn man so einen kleinen Arsch nicht treten kann? Du kannst erzählen, dass ich das ganze Wochenende mit Amerikanern konferiert habe…hmm…

Das erinnert mich, du lieber Gott, ich hoffe, ich habe daran gedacht, die Flinten einzupacken. Was haben diese Amerikaner bloß, dass sie immer so drauf versessen sind, meine Kaninchen abzuknallen? Ich habe ihnen ein paar Landkarten gekauft, in der Hoffnung, dass ich sie dazu überreden kann, lange, gesunde Spaziergänge zu unternehmen, und davon abbringe, Kaninchen zu schießen. Die armen Geschöpfe tun mir richtig leid. Ich denke, ich sollte eins von diesen Schildern bei mir auf den Rasen stellen, wenn die Amerikaner kommen. Du weißt, wie sie sie in Beverly Hills haben, auf denen >Es wird sofort geschossen< steht.

Leg bitte Clara einen Zettel hin, dass sie ein >Es wird sofort geschossen<-Schild besorgt, unten mit einem spitzen Eisendorn in der richtigen Länge dran, damit Kaninchen das Schild lesen können. Ich meine die Sekretärin Clara im Büro, nicht dich natürlich…

Wo war ich stehengeblieben?…

Ach ja, Adrian und Anthem 2.0 . Clara, das Ding muss in zwei Wochen in den Beta-Test. Er erzählt mir, es läuft prima. Aber jedesmal, wenn ich ihn sehe, hat er ein sich drehendes Sofa auf seinem Monitor. Er sagt, das sei wichtig, aber ich sehe nichts weiter als ein Möbelstü…

Komisch, ich höre ein Geräusch aus dem Kofferraum, ich meine, ich hätte ihn eben erst richtig zugemacht.

Jedenfalls, die Hauptsache ist Adrian. Und der springende Punkt ist, dass es nur einen einzigen Menschen gibt, der wirklich in der Lage ist rauszubekommen, ob er mit dieser wichtigen Arbeit fertig wird oder ob er bloß träumt. Und dieser einzige Mensch ist, es tut mir leid, Clara.

Also du, das heißt, nicht die Sekretärin Clara im Büro.

Kannst du also, ich frag dich das nicht gern, wirklich nicht, Schwesterherz, aber kannst du dafür sorgen, dass er sich an seine Arbeit macht? Sorge nur dafür, dass er kapiert, dass Empore Tech eigentlich ein expandierendes Wirtschaftsunternehmen ist und kein Abenteuerspielplatz für Querköpfe.

Das ist das Problem mit Querköpfen – sie haben eine fantastische Idee, die tatsächlich funktioniert, und dann erwarten sie, dass du sie jahrelang weiter finanzierst, während sie dasitzen und die Topografie ihres Bauchnabels berechnen.

Äh..tut mir leid, ich muss mal halten und den Kofferraum richtig zumachen. Dauert nur einen Moment.”

Er fuhr den Wagen an den grasbewachsenen Seitenstreifen und stieg aus. Als er zum Kofferraum herum ging, öffnete der sich, eine Gestalt erhob sich daraus, schoss ihm aus den beiden Läufen einer Jagdflinte durch die Brust und kümmerte sich dann um ihre eigenen Angelegenheiten.

Matz Sievekinds Erstaunen darüber, plötzlich erschossen zu werden, war nichts im Vergleich zu seinem Erstaunen darüber, was dann passierte.

Fortsetzung folgt…

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