← Kapitel 7: After Dinner (Teil 2)
Matz Sievekind lag am Boden und wusste nicht, was er tun sollte.
Er war tot. Darüber gab es keinen Zweifel. In seiner Brust war ein grässliches Loch. Das Blut, das daraus hervorgesprudelt war, war jetzt zu einem Tröpfeln versiegt. Sonst war an seinem Brustkorb keine Bewegung wahrzunehmen, wie auch an keinem anderen Körperteil von ihm.
Er blickte nach oben und von einer Seite zur anderen. Da wurde ihm etwas klar: ganz gleich, welcher Teil sich von ihm bewegte, es war kein Teil seines Körpers.
Der Nebel wälzte sich langsam über ihn hinweg und erklärte nichts. Ein, zwei Meter von ihm entfernt lag seine Flinte im Gras und rauchte still vor sich hin.
Er lag da wie jemand, der um vier Uhr morgens wachliegt, seine Gedanken nicht zur Ruhe bringen kann und nicht weiß, was er mit ihnen anfangen soll. Er bemerkte, dass er eben einen Schock erlitten hatte. Das konnte seine Unfähigkeit, klar zu denken, erklären; nicht aber seine Fähigkeit, überhaupt noch zu denken.
Jahrhundertelang gab es große Diskussion darüber, was mit einem nach dem Tode geschieht, sei es nun Himmel, Hölle, Fegefeuer oder das blanke Nichts. Eines ist dabei nie bestritten worden – dass man die Antwort spätestens dann erfährt, wenn man tot ist.
Matz Sievekind war tot, aber er hatte nicht die leiseste Ahnung, was er damit anfangen sollte. Es war eine Situation, in der er noch nie gewesen war.
Er setzte sich auf. Der Körper, der sich aufsetzte, erschien ihm so real wie der Körper, der allmählich kälter werdend immer noch am Boden lag und seine Blutwärme in Dampfschwaden abgab, die sich mit dem Dunst der kühlen Nachtluft vermischten.
Er wagte sich etwas weiter und versuchte langsam, erstaunt und unsicher, aufzustehen. Der Boden trug ihn, er hielt seinem Gewicht stand. Andererseits hatte er gar kein Gewicht, dem standzuhalten war. Als er sich bückte und den Boden berührte, fühlte er nichts als eine Art entfernten, gummiartigen Widerstand. Einen Widerstand, wie man ihn spürt, wenn man mit eingeschlafenem Arm etwas aufzuheben versucht. Sein Arm war eingeschlafen. Seine Beine ebenfalls und sein ganzer Körper und der Kopf.
Sein Körper war tot. Er konnte nicht sagen, warum sein Geist es nicht war.
Er stand in starrem, schlaflosem Schrecken da, während der Nebel sich langsam durch ihn hindurchwälzte.
Er schaute hinunter auf das Ich. Das grässliche, erstaunt blickende Ich-Dings, das still und zerfetzt am Boden lag. Er bekam fast eine Gänsehaut. Oder vielmehr hätte er gern eine Haut gehabt, die eine Gänsehaut bekommen konnte. Er wünschte sich eine Haut. Er wünschte sich einen Körper. Beides hatte er nicht.
Seinem Mund entrang sich ein plötzlicher Entsetzensschrei, der nicht zu hören war und nirgendwohin ging. Er zitterte und fühlte nichts.
Musik und eine Pfütze Licht sickerten aus seinem Wagen. Er ging darauf zu. Er versuchte, entschlossen zu gehen, aber es war ein schwaches und kraftloses Gehen. Unsicher. Unkörperlich. Der Boden unter seinen Füßen fühlte sich sehr weich an.
Die Wagentür an der Fahrerseite war noch offen, so wie er sie zurückgelassen hatte, als er rausgesprungen war, um sich um den Kofferraumdeckel zu kümmern.
Das alles war jetzt zwei Minuten her, als er noch am Leben war. Als er ein Mensch war. Als er gedacht hatte, er springe gleich wieder rein und fahre weiter. Vor zwei Minuten und einem ganzen Leben.
Das war doch irre, oder? dachte er plötzlich.
Er ging um die Tür herum und bückte sich, um in den Außenspiegel zu schauen.
Er sah genau wie er selber aus, wenn auch wie er selber nach einem furchtbaren Schrecken. Es musste sich um etwas handeln, was er sich nur einbildete, wie ein schrecklicher Wachtraum.
Plötzlich kam ihm ein Gedanke. Er versuchte, auf den Rückspiegel zu hauchen.
Nichts. Nicht ein einziges Tröpfchen bildete sich. Einen Arzt würde das zufriedenstellen, so machten sie’s immer im Fernsehen – wenn der Spiegel nicht beschlug, war kein Atem da. Vielleicht, dachte er ängstlich, vielleicht hatte das etwas damit zu tun, dass die Außenspiegel nicht beheizt waren. Hatte sein Wagen denn nicht beheizte Außenspiegel? Vielleicht waren es digitale Außenspiegel. Das war’s. Digitale, beheizte, atemresistente Außenspiegel…
Er war mitten dabei, wurde ihm klar, kompletten Blödsinn zu denken. Er drehte sich langsam um und blickte wieder voller Besorgnis auf den Körper, der hinter ihm mit halb weggeschossener Brust auf der Erde lag. Das würde einen Arzt ganz sicher zufriedenstellen. Der Anblick war schon erschreckend, wenn es sich um den Körper von jemand anderem handelte, aber sein eigener…
Er war tot. Tot…tot…Er versuchte, dem Wort in seinem Inneren einen dramatischen Klang zu verleihen, aber das klappte nicht. Er war kein Film-Soundtrack, er war nur einfach tot.
Während er noch in faszinierendem Entsetzen auf seinen Körper starrte, quälte ihn allmählich der Ausdruck eselhafter Dämlichkeit auf dessen Gesicht.
Der Ausdruck war vollkommen begreiflich. Es war ein Gesichtsausdruck, wie ihn jeder haben dürfte, der gerade mit seiner eigenen Jagdflinte von jemanden erschossen wird, der sich im Kofferraum seines Wagens versteckt hat. Trotzdem gefiel ihm der Gedanke nicht, dass jemand ihn fände, wenn er so guckte.
Er kniete sich neben sein Gesicht, in der Hoffnung, er könne seinen Zügen den Anschein von Würde oder relativer Intelligenz verleihen.
Das erwies sich als unglaublich schwierig. Er versuchte, die Haut zu kneten. Diese ekelhaft vertraute Haut. Irgendwie aber kriegte er weder sie noch überhaupt irgendetwas richtig in den Griff. Es war, wie wenn man mit eingeschlafenen Händen versucht, Knetgummi zu formen. Nur dass er mit den Händen nicht von der Form abrutschte, sondern durch sie hindurch. In diesem Fall rutschte er mit der Hand durch sein Gesicht.
Ekelerfülltes Grauen und Wut durchfuhren ihn über seine pure verdammte Unfähigkeit. Zu seiner Bestürzung stellte er plötzlich fest, dass er seinen toten Körper mit festem, zornigem Griff beutelte und schüttelte. Er taumelte mit verblüfftem Entsetzen zurück. Alles, was er zustande brachte, war, dass er dem geistlos dämlichen Blick der Leiche einen verzerrten Blick der Leiche einen verzerrten Mund und einen Schielblick hinzugefügt hatte. Und leuchtende blaue Flecken am Genick. Und leuchtende blaue Flecken am Genick.
Ein Schluchzen überkam ihn. Diesmal erzeugte er einen Laut, ein seltsames Heulen aus dem tiefsten Innern dessen, was immer das auch war, wozu er geworden war. Die Hände vors Gesicht gepresst, taumelte er rückwärts zu seinem Wagen und warf sich auf den Sitz. Der Sitz nahm ihn nachlässig und distanziert auf, wie eine Tante, die mit den letzten fünfzehn Jahren deines Lebens nicht einverstanden ist und dir deshalb nur das allerbilligste Gesöff eingießt, sich aber weigert, dir ins Auge zu blicken.
Konnte er nicht zu einem Arzt gehen?
Um der Absurdität dieses Gedankens nicht ins Gesicht sehen zu müssen, kämpfte er mit dem Steuerrad herum. Seine Händen rutschten durch es hindurch. Er versuchte, sich mit dem Hebel des Schaltgetriebes abzumühen. Es endete damit, dass er wütend dagegenschlug, weil er nicht in der Lage war, ihn richtig zu packen und einzulegen.
Seine Anlage spielte immer noch leichte Orchestermusik. Er entdeckte das Telefon, das die ganze Zeit auf dem Beifahrersitz gelegen und geduldig zugehört hatte. Er starrte es an und bemerkte mit immer fieberhafterer Erregung, dass er noch immer mit Claras Anrufbeantworter verbunden war. Dieser Apparat war von der Sorte, die einfach läuft und läuft, bis man auflegt. Er stand mit der Welt noch in Kontakt.
Verzweifelt versuchte er, den Hörer in die Hand zu nehmen. Er grapschte herum, ließ ihn entgleiten und war am Ende gezwungen, sich hinunterzubeugen. “Clara!” schrie er hinein. Seine Stimme war ein heiseres, fernes Jammern im Wind. “Clara, hilf mir! Hilf mir, um Gottes Willen. Clara, ich bin tot…ich bin tot und…weiß nicht, was ich machen soll…!”
Vor Verzweiflung schluchzend brach er wieder zusammen. Er versuchte, sich an das Telefon zu klammern wie ein Baby, das sich zum Trost an seine Bettdecke klammert.
“Hilf mir, Clara…”, rief er wieder.
“Piep”, sagte das Telefon.
Er blickte wieder nach unten, dorthin, wo er sich dagegenschmiegte. Schließlich hatte er es doch geschafft, auf irgendwas zu drücken. Es war ihm gelungen, den Knopf zu drücken, mit dem man die Leitung unterbrach. Fieberhaft versuchte er, das Ding noch mal zu packen. Doch es schlüpfte ihm beharrlich durch die Finger und lag bewegungslos auf dem Sitz.
Er konnte es nicht anfassen. Er konnte die Knöpfe nicht drücken. Wütend fetzte er es gegen die Windschutzscheibe. Darauf reagierte es, okay. Es flog gegen die Windschutzscheibe, sauste zurück und durch ihn hindurch und blieb reglos auf dem Kardantunnel liegen.
Mehrere Minuten blieb er so sitzen und nickte langsam mit dem Kopf, während sich sein Entsetzen in blankes Elend verwandelte.
Ein paar Autos fuhren vorbei, bemerkten aber nichts Seltsames – einen Wagen, der am Straßenrand hielt. Beim raschen Vorbeifahren in der Nacht erfassten ihre Scheinwerfer wahrscheinlich den Leichnam nicht, der hinter dem Wagen im Grase lag. Ganz sicher bemerkten sie nicht, dass ein Geist darin saß, der leise vor sich hin weinte.
Er wusste nicht, wie lange er schon so dasaß. Er war sich der vergehenden Zeit nicht bewusst, nur dass sie nicht schnell verging. Es gab kaum einen äußeren Anhalt, um das Vergehen der Zeit festzustellen. Ihm war nicht kalt. Er konnte sich kaum noch erinnern, was kalt bedeutete oder wie es sich anfühlte. Er wusste bloß, dass es etwas war, das er in diesem Augenblick eigentlich hätte fühlen müssen.
Schließlich löste er sich aus seinem mitleiderregenden Gehocke. Er würde etwas unternehmen müssen, wenn er auch nicht wusste, was. Vielleicht sollte er versuchen, zu seinem Landhaus zu kommen. Auch wenn er nicht wusste, was er tun sollte, wenn er dort wäre. Er brauchte einfach etwas, um das er sich bemühen musste. Er musste es unbedingt durch die Nacht bis dorthin schaffen.
Er nahm sich zusammen und glitt aus dem Wagen, wobei er mit dem Fuß und dem Knie ohne weiteres durch einen Teil des Türrahmens streifte. Er ging nochmal zu seiner Leiche, um einen Blick darauf zu werfen, aber sie war nicht da.
Als wenn die Nacht nicht schon genügend Schrecken hervorgebracht hätte. Er zuckte entsetzt zurück und starrte auf die feuchte Vertiefung im Gras.
Sein Leichnam war nicht da.
Fortsetzung folgt…


